Midterms 2026 – Hat die Geschichte einen Plan für H2?
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2026 ist ein Midterm-Jahr. Während die politische Aufmerksamkeit auf die Kongresswahlen im November gerichtet ist, folgen die Finanzmärkte einem ganz eigenen Drehbuch – einem, das sich seit Jahrzehnten wiederholt und das für Anleger im zweiten Halbjahr besonders relevant wird.
Denn historisch betrachtet gehört die zweite Jahreshälfte von Midterm-Jahren zu den stärksten Phasen des gesamten vierjährigen Presidential Cycle. Die Daten zeichnen ein erstaunlich konsistentes Bild: Schwäche im Sommer, Stärke ab Oktober – ein Muster, das sich auch 2026 wiederholen könnte.
Doch die Makro-Kulisse macht es diesmal komplizierter als üblich.
Was sind Midterm-Wahlen?
Midterm Elections finden in den USA alle vier Jahre statt – genau in der Mitte einer Präsidentschaftsperiode. Gewählt werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und etwa ein Drittel der 100 Senatssitze. Die Wahl entscheidet, ob der amtierende Präsident seinen politischen Kurs mit einer kooperativen oder einer blockierenden Legislative fortsetzen kann.
Für die Börse sind Midterms aus einem einfachen Grund relevant: Sie erzeugen politische Unsicherheit. In den Monaten vor der Wahl weiß niemand, ob die Regierungspartei ihre Mehrheit halten kann, welche Gesetzesvorhaben blockiert werden und wie sich die politische Landschaft verschiebt. Diese Unsicherheit drückt typischerweise auf die Kurse – bis die Wahl Klarheit schafft.
Der Midterm-Zyklus: Was die Daten zeigen
Die historische Auswertung des S&P 500 (via SPY) über alle Midterm-Jahre seit 1994 liefert ein klares Bild:
Zeitraum | Ø Return Midterm | Ø Return Alle Jahre | Win-Rate Midterm |
|---|---|---|---|
H1 (Jan - Jun) | -2,0% | +4,9% | 50% |
H2 (Jul - Dez) | +4,5% | +5,8% | 75% |
Q3 (Jul - Sep) | -0,5% | +0,7% | 62% |
Q4 (Okt - Dez) | +5,4% | +5,1% | 75% |
Die erste Jahreshälfte in Midterm-Jahren ist mit durchschnittlich -2,0% deutlich schwächer als in normalen Jahren (+4,9%). Doch die zweite Jahreshälfte holt auf – und das vierte Quartal liefert mit +5,4% im Schnitt sogar leicht über dem Durchschnitt aller Jahre.
Der Schlüssel liegt im Timing. Das dritte Quartal ist die Schwächephase (Ø -0,5%), in der die politische Unsicherheit vor den Wahlen am größten ist. Ab Oktober dreht die Dynamik.
Midterm-Jahre im Detail
Jahr | H1 | H2 | Q3 | Q4 | Gesamt |
|---|---|---|---|---|---|
1994 | -4,6% | +2,5% | +3,8% | -1,3% | -2,2% |
1998 | +16,7% | +8,8% | -10,2% | +21,2% | +27,0% |
2002 | -13,4% | -10,8% | -17,4% | +7,9% | -22,8% |
2006 | +2,2% | +11,3% | +4,9% | +6,0% | +13,7% |
2010 | -6,6% | +23,1% | +11,2% | +10,8% | +15,1% |
2014 | +6,9% | +6,1% | +1,1% | +4,9% | +13,5% |
2018 | +2,5% | -6,9% | +7,7% | -13,5% | -4,6% |
2022 | -20,0% | +2,3% | -4,9% | +7,6% | -18,2% |
Selbst in den schwierigsten Midterm-Jahren (2002, 2022) war das Q4 deutlich positiv (+7,9% bzw. +7,6%). Die beiden negativen H2-Ausreißer – 2002 (Dot-Com-Bärenmarkt) und 2018 (Fed-Straffung + Handelskrieg) – hatten jeweils außergewöhnliche Makro-Belastungen.
Der Oktober-Effekt
Innerhalb des Midterm-Zyklus sticht ein Monat besonders hervor: der Oktober.
Monat | Ø Return | Positiv |
|---|---|---|
Jul | +1,6% | 5/8 |
Aug | -1,1% | 5/8 |
Sep | -0,9% | 4/8 |
Okt | +3,7% | 7/8 (88%) |
Nov | +2,5% | 7/8 (88%) |
Dez | -0,9% | 3/8 |
In sieben von acht Midterm-Jahren seit 1994 war der Oktober positiv – die einzige Ausnahme war 2018 (-6,9%), als die Fed aggressiv straffte und der Handelskrieg mit China eskalierte. November liefert ebenfalls mit 75% Win-Rate, bevor der Dezember – oft von Steuerverlustrealisierungen und Window Dressing geprägt – das Bild trübt.
Dieses Muster hat eine logische Erklärung: In den Wochen vor der Wahl beginnen Anleger, die politische Unsicherheit einzupreisen. Sobald das Ergebnis feststeht – egal wie es ausfällt – verschwindet die Unsicherheitsprämie, und die Märkte setzen zum Rebound an. Das Paradoxon: Es ist nicht das Ergebnis der Wahl, das zählt, sondern das Ende der Unsicherheit.
Die Midterm-Rally: Oktober bis April
Das vielleicht beeindruckendste statistische Muster im gesamten Presidential Cycle ist die sogenannte Midterm-Rally – die Phase vom Oktober des Midterm-Jahres bis zum April des Folgejahres.
Zyklus | Okt → Apr | davon Q4 |
|---|---|---|
1994 → 1995 | +11,7% | -1,3% |
1998 → 1999 | +31,0% | +21,2% |
2002 → 2003 | +12,4% | +7,9% |
2006 → 2007 | +11,0% | +6,0% |
2010 → 2011 | +20,7% | +10,8% |
2014 → 2015 | +6,9% | +4,9% |
2018 → 2019 | +2,2% | -13,5% |
2022 → 2023 | +17,4% | +7,6% |
Durchschnitt | +14,2% | +5,4% |
8 von 8 Zyklen positiv. Der Durchschnitt liegt bei +14,2% in nur sieben Monaten. Selbst im schwächsten Zyklus (2018 → 2019) gab es noch ein Plus von 2,2%.
Welche Sektoren profitieren am meisten?
Die Sektor-Analyse zeigt deutliche Unterschiede in der H2-Performance von Midterm-Jahren. Basierend auf den SPDR-Sektor-ETFs ergibt sich folgendes Ranking:
Rang | Sektor | Ticker | Ø H2 | Win-Rate | Ø Q3 | Ø Q4 | n |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
1 | Healthcare | XLV | +7,4% | 83% | +4,2% | +3.5% | 6 |
2 | Technology | XLK | +5,1% | 50% | +0,6% | +5,6% | 6 |
3 | Industrials | XLI | +5,1% | 67% | -0,0% | +5,5% | 6 |
4 | Materials | XLB | +5,0% | 50% | -2,1% | +7,3% | 6 |
5 | Financials | XLF | +4,9% | 67% | -0,3% | +5,4% | 6 |
6 | Cons. Discr. | XLY | +4,0% | 50% | +2,4% | +1,6% | 6 |
7 | Utilities | XLU | +3,9% | 83% | -2,1% | +6,2% | 6 |
8 | Energy | XLE | +1,7% | 50% | -3,0% | +4,2% | 6 |
9 | Consumer Staples | XLP | +7,9% | 100% | +2,6% | +5,5% | 4* |
10 | Real Estate | XLRE | -5,4% | 0% | -5,2% | -0,1% | 2* |
11 | Comm. Serv. | XLC | -13,7% | 0% | -6,2% | -7,5% | 2* |
S&P 500 | SPY | +4,8% | 71% | -1,1% | +6,4% | 7 |
* XLP-Daten ab 2007 (4 Midterm-Zyklen), XLRE ab 2015 und XLC ab 2018 (je 2 Zyklen) – eingeschränkte Aussagekraft.
Healthcare (XLV) ist der klare Gewinner – und das nicht nur im Durchschnitt (+7,4%), sondern vor allem in der Konsistenz: In fünf von sechs Midterm-H2-Phasen lieferte der Sektor positive Returns (83% Win-Rate). Besonders interessant: Healthcare zeigt bereits im Q3 relative Stärke (+4,2%), während die meisten anderen Sektoren in dieser Phase schwächeln.
Financials (XLF) und Industrials (XLI) liegen im Mittelfeld, trumpfen aber im Q4 auf (beide >+5%). Materials (XLB) hat die stärkste Q4-Performance aller Sektoren (+7,3%), aber eine hohe Volatilität und nur 50% Win-Rate über das gesamte H2.
Warum dieses Midterm-Jahr besonders ist
Das historische Muster liefert den statistischen Rahmen. Doch 2026 ist kein normales Midterm-Jahr. Die Makro-Kulisse unterscheidet sich fundamental von den meisten Vorgängerzyklen – und das hat Konsequenzen für die Positionierung.
Was für die Midterm-Rally spricht
Der S&P 500 notiert Ende Juni 2026 mit einem YTD-Plus von rund +7% nahe seinen Allzeithochs. Noch wichtiger als die Headline-Performance ist die Marktstruktur: Die lang erwartete Verbreiterung der Rally ist Realität geworden. Der gleichgewichtete S&P 500 (RSP) schlägt den kapitalgewichteten Index (SPY), der Russell 2000 hat die 3.000er-Marke erstmals in seiner Geschichte überschritten, und das Magnificent-Seven-Basket (MAGS) notiert im Minus.
Diese Broadening-Dynamik passt perfekt ins historische Midterm-Drehbuch: Die Sektoren, die in Midterm-H2-Phasen typischerweise outperformen – Healthcare, Financials, Industrials – sind genau die Segmente, in die das Kapital aktuell rotiert.

Besonders Healthcare (XLV) verdient Aufmerksamkeit. Der Sektor war bis April 2026 das unbeliebteste Segment des Marktes, hat dann aber im Juni einen Breakout vollzogen. Das deckt sich mit dem historischen Muster: XLV hat eine der höchsten Win-Rates aller Sektoren in Midterm-H2-Phasen. Die Kombination aus statistischer Tendenz und aktuellem Momentum-Shift ist bemerkenswert.
Auch Financials passen ins Bild. Die Zinskurve hat sich mit ca. +27 bis +31 Basispunkten (2s/10s) re-gesteepert, was direkt die Nettozinsmargen unterstützt – und das in einem Sektor, der historisch mit Ø +5,4% im Q4 von Midterm-Jahren zu den stärksten Performern gehört.
Was dagegen spricht – oder zumindest verkompliziert
In den meisten vergangenen Midterm-Zyklen hatte die Börse einen Verbündeten, der 2026 fehlt: sinkende Zinsen. Die Fed unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh hat die Forward Guidance eliminiert und signalisiert, dass die Politik „nicht besonders restriktiv" sei. Der CPI liegt bei 4,2% – dem höchsten Stand seit April 2023 – und der Markt preist mittlerweile eine Zinserhöhung statt einer Senkung ein.

Das ist ein fundamentaler Unterschied zu Zyklen wie 2002, 2010 oder 2022, in denen Zinssenkungen oder zumindest die Erwartung davon den Q4-Rebound befeuerten. Die einzige historische Parallele ist 2018, als die Fed ebenfalls straffte – und das war gleichzeitig der schwächste Midterm-H2 der gesamten Stichprobe (-6,9%).
Hinzu kommt der geopolitische Faktor: Der Iran-Konflikt hat Brent zeitweise über 113 USD getrieben und die Inflation nachhaltig nach oben verzerrt. Zwar ist Öl nach einem fragilen Waffenstillstand wieder in den Bereich von 65–70 USD (WTI) zurückgefallen, doch der Inflationsschaden im ersten Halbjahr ist angerichtet – und er hat das Fenster für Zinssenkungen geschlossen.
Die entscheidende Frage
2026 fehlt der Rückenwind, den Midterm-Rallys in der Vergangenheit oft hatten – sinkende oder zumindest stabile Zinsen. Die aktuelle Verbreiterung der Rally muss sich ohne geldpolitische Unterstützung behaupten. Das ist möglich, aber es erhöht die Anforderungen an das Timing und die Sektorauswahl.
Der historische Vergleich hilft hier: Die einzige Midterm-H2-Phase mit einer ebenfalls straffenden Fed war 2018 – und das war mit -6,9% der schwächste Zyklus der gesamten Stichprobe. Allerdings war 2018 auch durch den eskalierenden US-China-Handelskrieg belastet. Ob 2026 eher dem 2018er-Muster oder den sechs positiven Zyklen folgt, wird sich an der Frage entscheiden, ob die Inflation schnell genug fällt, um der Fed zumindest eine neutrale Haltung zu ermöglichen.
Positionierung für H2 2026
Wer die historischen Muster als Leitfaden nutzen will, ohne die Makro-Risiken zu ignorieren, kann sich an folgenden Achsen orientieren:
Healthcare (XLV): Der Sektor mit der besten Midterm-Bilanz – 83% Win-Rate und durchschnittlich +7,4% in H2. Dazu kommt, dass XLV nach Monaten der Underperformance im Juni 2026 einen technischen Breakout vollzogen hat. Die Kombination aus historischer Tendenz und aktuellem Momentum-Shift ist bemerkenswert.
Financials (XLF): Mit Ø +5,4% im Q4 von Midterm-Jahren einer der stärksten Sektoren in der entscheidenden Phase. Die aktuelle Versteilung der Zinskurve (2s/10s bei ca. +27 bis +31 Basispunkten) unterstützt die Nettozinsmargen zusätzlich.
Industrials (XLI): Ø +5,5% im Q4 und eine Win-Rate von 67% über das gesamte H2. Der Sektor profitiert typischerweise von der Klarheit nach den Wahlen, wenn fiskalische Prioritäten greifbar werden.
Das 2018-Risiko im Blick behalten: Der größte Risikofaktor bleibt eine Wiederholung des 2018er-Szenarios – also eine Fed, die aktiv strafft, kombiniert mit geopolitischer Eskalation. Der Iran-Waffenstillstand ist fragil, und sollte sich die Inflation erneut beschleunigen, wäre das Midterm-Muster das erste Opfer. Generell gilt in einem Umfeld potenziell steigender Zinsen: Unternehmen mit solider Bilanz und geringem variabel verzinstem Fremdkapital sind besser positioniert als hoch verschuldete Titel, deren Zinskosten bei jeder Erhöhung direkt steigen.
Fazit
Die Geschichte reimt sich – und die Daten sprechen eine deutliche Sprache. In sieben von acht Midterm-Jahren war das zweite Halbjahr positiv, der Oktober liefert mit einer 88% Win-Rate den verlässlichsten Einstiegspunkt, und die Midterm-Rally von Oktober bis April hat jeden einzelnen Zyklus seit 1994 positiv abgeschlossen.
Historische Muster bleiben Wahrscheinlichkeiten, keine Garantien. Das aktuelle Umfeld – eine hawkische Fed, 4,2% Inflation, geopolitische Fragilität – ähnelt am ehesten 2018, dem schwächsten Midterm-H2 der Stichprobe. Die Sektordaten geben dennoch eine klare Richtung vor: Healthcare, Financials und Industrials haben in der Vergangenheit am zuverlässigsten vom Midterm-Q4 profitiert – und genau in diese Segmente fließt auch 2026 bereits Kapital.
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